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Marien Kirche
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Die Baugeschichte
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Im Jahre 1248 holte der Corveyer Abt Hermann 1. von Dassel die Franziskaner wahrscheinlich aus Hildesheim - nach Höxter und baute ihnen hier unmittelbar an der neuen Stadtmauer einen Konvent, dem der Bruder des Abtes, Florimann, als erster Guardian (=Vorsteher) unter dem Namen Franziskus vorstand. Das Mönchtum nahm Anfang des 13. Jahrhunderts in weltzugewandter Gestalt besonders in den Städten einen neuen Aufschwung. Durch Betteln erwarben sie sich ihren Unterhalt - daher Bettelorden - und verbanden mit der Armut die Demut, darum nannten sich die Brüder des hl. Franziskus auch die Minderen Brüder (minores fratres) Minoriten. Sie dankten die Gaben, die ihnen gegeben wurden, durch Seelsorge und Predigt. Daß sie gute Aufnahme in Höxter fanden, bezeugt die Tatsache, daß sie sich schon 1250 neben den Konventsgebäuden eine Klosterkirche aus eigenen Mitteln errichten konnten, die der heiligen Maria geweiht wurde. Unter den mittelalterlichen Kirchen und Kapellen der Stadt Höxter nimmt die Marienkirche insofern eine Sonderstellung ein, als sie die einzige Ordenskirche, die einzige rein gotische Kirche und zudem seit 1320 unverändert überliefert ist.
Die erste Kirche von 1250, vermutlich ein schlichter Saalbau, muß schon vor 1261 damals wird bereits der Kirchweihtag verlegt - vollendet gewesen sein. Sie fällt aber einem Stadtbrand als Folge des Krieges zwischen Simon von Paderborn und dem Landgrafen von Hessen zum Opfer. Der Neubau der Klosterkirche wird so gefördert u. a. durch Gewährung eines vierzehntätigen Ablasses für alle Helfer -, daß Haupt- und Seitenschiff 1283 in der heutigen Form geweiht werden können. Zwischen 1300 und 1320 entstehen dann in der Verlängerung des vierjochigen Hauptschiffes die drei Joche des gleichhohen Chorraumes mit polygonalem Chorabschluß. Da der Hochchor und das Langhaus der Kirche stilistisch keine allzugroßen Unterschiede aufweisen, da auch die Maßwerkfiguration im Chor wie im Seitenschiff sich entsprechen, ist es nicht klar, ob die Baumaßnahmen zwischen 1300 bis 1320 die Fortführung eines einmal begonnenen Konzepts oder einen weiteren Bauabschnitt bedeuten. Das Kirchweihfest (4. Sonntag nach Ostern) war jahrhundertelang verbunden mit dem sehr besuchten >Brudermarkt<.
Besonders das Minoritenkloster mit seiner Marienkirche stand im 16. und 17. Jahrhundert mit Mittelpunkt der Religionskämpfe in Höxter. In der Zeit von 1555 -1662 befanden sich die im Zuge der Reformation vertriebenen Mönche nur zeitweilig im Kloster. Die alten Klostergebäude fielen 1573 dem Streit zwischen der protestantischen Stadt und dem Landesherren zum Opfer und wurden gelegentlich eines vorübergehenden Aufenthalts der Mönche 1628 -1630 neu errichtet. Erst während der Restitutionsverhandlungen wurden Kirche und Kloster dem Orden durch Christoph Bernhard von Galen wieder zugesprochen. Im Jahre 1812 erfolgte die endgültige Auflösung des Klosters; die Kirche wurde auf Abbruch versteigert, aber durch eine Anzahl evangelischer Bürgerfamilien aufgekauft und vor der Zerstörung gerettet. Im Jahre 1815 übernahm die Familie Klingemann-Höxter die Kirche, die dann 1850 endgültig von der evangelischen Kirchengemeinde erworben wurde. Während der Restaurierung der Kilianikirche 1880 -1882, notdürftig als Ausweichkirche hergerichtet, konnte das bis dahin zweckentfremdete Bauwerk erst 1952 -also nach 140 Jahren - am Schluß einer Restauration von Grund auf wieder gottesdienstlichen Zwecken zugeführt werden. Da sich die Stadt Höxter in Richtung Westen ausdehnte und dort ein weiterer Gemeindebezirk mit einer eigenen Kirche - St. Petri - neu entstand, behielt die Marienkirche weitgehend den Charakter einer Nebenkirche. Erst durch den Umbau des ehemaligen Marienstifts - der alten Klostergebäude - unter Einschluß der Kirche zu einem Gemeindezentrum, wobei auch eine erneute Restaurierung der Kirche erforderlich war, integrierte die Kirche verstärkt in das Gemeindeleben. Der Chorraum verblieb als Gottesdienstraum, während das Langhaus als Gemeindesaal dient. Bei diesen Restaurierungen wurden noch Reste der ehemaligen bescheidenen Ausmalung der Kirche wiederentdeckt. Bei dieser Restaurierung wurde die Kirche auch zur Sicherung der gefährdeten Bruchsteine und unter Bezug auf alte Putzreste außen verputzt.
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Baubeschreibung
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Die Eigenart der Kirche liegt in ihrer Mischform: die unsymmetrische, aus einem Haupt und einem Seitenschiff bestehende Anlage weist einen halb- oder pseudobasilikalen Querschnitt bei sonst hallenförmigem Charakter auf, eine der Baukunst Westfalens eigentümliche Zwischenform, auch -Stufenhalle- genannt. Die basilikale Längstendenz ist gegenüber den Raumverschmelzungstendenzen einer Halle vorherrschend. Die Belichtung des Mittelschiffes erfolgt nicht direkt durch Obergadenfenster oberhalb der Arkaden, sondern indirekt durch die Seitenschiffenster. Diesem Mangel an Lichtzufuhr half man durch Anlage des großen Westfensters im Hauptgebiet ab. Die Staffelung der Schiff räume ist äußerlich durch einen Absatz in Dach zu erkennen. Eine direkte Belichtung von Norden war nicht möglich, da sich hier die Konventsgebäude und ein zweigeschossiger Kreuzgang an das Landhaus anschlossen.
Haupt- und Seitenschiff, beide von Kreuzrippengewölben auf schlanken Wanddiensten überdeckt, werden durch vier hohe Arkaden auf zwei angelehnten Halbsäulen und drei wuchtigen Rundpfeilern voneinander getrennt; diese Arkaden erleichtern überall den Diagonalblick in dem bewußt als Predigtkirche errichteten Bau und lassen beide Räume bereits als Einheit empfinden. Eine bestimmte Längstendenz wird erst durch die Verlängerung der Kirche um den langen Klerikalchor erreicht. Diesen überspannen drei weitere queroblonge Joche in der Breite des Hauptschiff s, jedoch mit schmaleren (rechteckigen) Grundrissen. Den Chorabschluß im Osten bilden fünf Seiten eines Oktogons, von sechs Kappen überwölbt. Die Hintereinanderreihung der sieben Kreuzgewölbe und der Chorabschlußgewölbe bewirkt eine eindrucksvolle Betonung der Längsachse von über 45 m und steigert die Raumwirkung in der West-Ostrichtung über die absoluten Maße hinaus.
Die einseitige Richtungsbetonung wird gemildert durch den beachtenswerten, dreiteiligen, steinernen Lettner, der im westlichen Chorjoch den Chorraum vom Hauptschiff scheidet, und der einst die Schranke zwischen Klerus und Laien gebildet hat. Die Form des Lettners - des letzten seiner Art in Westfalen! - erinnert, zwei steinernen Baldachinen ähnlich, an die frühchristliche Erscheinung der Ambonen. Das freie mittlere Lettnerdrittel öffnet sich konisch zum Chorraum hin und zeigt interessante Steinschnitte in seinem Aufbau. Der Lettner gehört auch liturgisch in den Anfang des 14. Jahrhunderts und war vielleicht schon in die Chorbauplanung einbezogen. Vor und bei der Restaurierung um 1950 hatte es um die Erhaltung des Lettners längere Überlegungen gegeben, da die beiden Lettnerbaldachine wohl in der Barockzeit durch eine Wand mit drei rundbogigen Durchgängen den Chor stärker abgeschlossen hatten, was damals rückgängig gemacht wurde.
Im Gegensatz zur sonstigen Schlichtheit der Formen zeigen die Chorgewölbe, die des Seitenschiffs und des Lettners reich ornamentierte Schlußsteine, während das Hauptschiff einfache Schlußringe aufweist.
Die spitzbogigen Fenster, in ihrer Oberlichtbildung gemäßigt wie der ganze Formenapparat der Kirche, sind im allgemeinen zweiteilig, nur im Westgiebel des Hauptschiffes und im Ostgiebel des Seitenschiffes vierteilig; sie zeigen ein klares, in ihren Verhältnissen überzeugendes Maß- und Stabwerk: im Seitenschiff oben den Vierpaß und im Chor den Dreipaß, während die unteren Gewändepfosten in Kleeblattform nach oben auslaufen und in minoritischer Zurückhaltung die einfache Schräge haben.
Im Äußeren der Kirche unterteilen Strebepfeiler, die den Druck der Gewölbe nach außen zur Entlastung der Außenmauern aufnehmen, die Schiff - und Chorfassade. An den Strebepfeilern ist noch jene schöne Mäßigung der Bettelordenskirche zu finden, die auch in den schlichten Laibungen der Fensterschrägen zutage tritt. - Das mit Maßwerktympanon ausgestattete Portal der Südseite vereinigt unter einem großen Spitzbogen zwei Türme mit geradem Sturz. Wahrscheinlich ist der Einbau auf die Zeit Christoph Bernhards von Galen (1661-1678) zurückzuführen, der in seiner Abneigung gegen den Barock den allein angemessenen Kirchenstil in der - hier nachahmten - Gotik sehen wollte.
Das strenge Äußere der Kirche erhält einen besonderen Reiz durch den in seiner schwungvollen barocken Formengebung geradezu fröhlich wirkenden Dachreiter mit Laterne zur Aufnahme der Glocken, ein Nachfolger verschiedener Vorgänger aus dem Jahre 1772.
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Ausstattung
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Von der beweglichen inneren Ausstattung ist aus der Zeit des Ordens nichts mehr vorhanden. Die wahrscheinlich 1695 und 1752 eingebrachte Barockeinrichtung wurde 1812 versteigert. So befindet sich der Hochaltar heute in der katholischen Kirche zu Amelunxen, das Triumphkreuz - um 1500 - in der Lütmarser Kapelle. Auch das Chorgestühl der Mönche, dessen Platz noch in den ausgesparten Wandnischen der Längswände erkennbar ist, fiel der Säkularisation zum Opfer. Dagegen finden wir an der nördlichen Chorwand neben dem Altar das dem Anfang des 14. Jahrhundert entstammende Sakramentshäuschen oder Tabemakel in Form eines eingebauten, reich mit Maßwerk und Krabben verzierten Wandschreines aus weichem Glaukonit. Die einst durch ein eisernes Gitter verschlossene Öffnung ist seit 1752 durch eine Bundsandsteinplatte geschlossen, deren Schrift den Inhalt einer päpstlichen Bulle wiedergibt. Danach durfte an dem Hochaltar täglich für alle Verstorbenen frei Seelenmesse gelesen werden.
An der südlichen Chorschräge ist noch - im Maßwerk der Fenster gehalten eine zweiteilige Wandnische zu sehen: Die Piscina zur Handwaschung des zelebrierenden Priesters, zur Säuberung des kirchlichen Gerätes und wahrscheinlich auch zum Ausgießen des restlichen Abendmahlweines. Die Rückwand der Ausgußnische trägt heute die Namen der evangelischen Pfarrer, die hier im 16. und 17. Jahrhundert vor der Rekatholisierung der Kirche amtierten.
Der heutige Taufstein in der Marienkirche ist das letzte Inventarstück der 1810 -1811 unter Jerome Napoleon abgebrochenen evangelischen Petrikirche am Petritro und ist älter als die ihn beherbergende Kirche. Seine verwitterte Ornamentik weist in die Obergangszeit um 1230 -1240. Die darüber unter dem Kreuz an der Westwand des Seitenschiffes eingelassenen drei steinernen Kreuzblumen fanden sich 1950 im Gerümpel des Kirchenraumes.
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Unter den in der Marienkirche freigelegten Gräbern waren u. a. zwei Grabstätten prominenter Persönlichkeiten: Vor dem Hochaltar wurde die Gruft des Fürstbischofs von Corvey, Christoph von Brambach, freigelegt, der im Minoritenkloster von 1632 -1638 während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges Zuflucht gesucht hatte. Sein nicht mehr vorhandener Grabstein trug außer seinem Namen die Inschrift: si conservator nun fuisset, Corbeia peruisset.
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Ebenfalls im Chor beigesetzt war der Bürgermeister Johann Joachim Mertens (1710 -1776), dessen Grabplatte 1951 an der nördlichen Chorschräge aufgestellt wurde.
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Wie angedeutet bestand die kunstgeschichtliche Bedeutung der Mendikantenorden des 13. und frühen 14. Jahrhunderts in der Vorbereitung der spätgotischen Baukunst. In diesem Zusammenhang wurde die Marienkirche in Höxter zu einem Ausgangspunkt für die Ordensbautätigkeit eines weiten Gebietes und Entwicklungsstufe auf dem Weg zur spätgotischen Halle.
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Literaturhinweise
Fritz Sagebiel: Die mittelalterlichen Kirchen der Stadt Höxter, Höxtersches Jahrbuch. Bd.5, 1963
Deutscher Kunstverlag München Berlin: Grosse Baudenkmäler Heft 218
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